Wednesday, 26 December 2018

MANON SAINT-LOUIS

Es kam der Punkt, an dem Manon alles zu viel wurde und sie ohne nachzudenken mit der nackten Hand durch die Glasscheibe schlug, einfach so. Wer ihr die Hand verband, war ihr egal. Wie sie nach Hause in ihre Wohnung kam, war ihr egal. Ihre Haarspitzen hatten sich zwischen die Polster vergraben. Sie hob sich nur leicht von ihrem Sofa und ließ sich wieder fallen.

Sie saß auf dem Beifahrersitz, Regen prasselte auf das Dach, die Scheibenwischer trieben Fluten zu den Seiten, und sofort kamen neue Bäche von oben geflossen, Tropfen schlugen auf, die Sicht war wieder dahin. Sie standen in irgendeiner kleinen Seitenstraße mit parkenden Autos rechts, vorne blockierte ein Laster die Durchfahrt. Die Hebebühne war unten, der Fahrer mit einem von diesen wackeligen, viel zu hohen Blechschiebewagen im Haus verschwunden. Niemand wusste, wie lange es noch dauern würde.

Manon hockte zwischen Louis und Christoph am Couchtisch auf dem Flokati, an der langen Seite, sie trug das schwarze Kleid mit den burgunderfarbenen Bündchen und dunkle Nylonstrümpfe, die Schuhe hatte sie inzwischen ausgezogen. Es schneite draußen, deswegen blieben alle drei noch eine Weile zusammen, obwohl es schon spät war. Sie unterhielten sich angeregt über einen Philosophen und ein Detail, das das Leben vertrat, Christoph war nach vorne gebeugt, die Untertasse mit der Tasse in der einen Hand, einen Löffel in der anderen. Aufmerksam hörte er zu, wie Louis eine Bemerkung von ihm abtat.

Saturday, 25 February 2017

RAFI BELLAHARANI

Rafi Bellaharani lebte mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern von 17 und 20 Jahren in Farahzad, einem der ältesten Viertel in Westteheran, worauf er sich aber nicht viel einbildete. Es war ein Samstag, als er von einem kleinen Einkauf schon fast seine Wohnung erreicht hatte, als ihn von hinten jemand mit einem Stock in die Kniekehle schlug und davonlief. Bellaharani stürzte zu Boden, stand wieder auf, klopfte sich den Dreck aus seinem Anzug, sammelte die Packungen mit dem Fleisch, dem Mehl und den Berberitzen zusammen, die sich aus seiner Tüte über die Straße verteilt hatten, und ließ einen Passanten erzählen, wie sich der Vorfall aus dessen Sicht zugetragen hatte.

Der Alte faselte irgendwas Verworrenes. Bellaharani hörte bald schon nicht mehr hin, sondern musste stattdessen immer zu daran denken, dass Sara, seine Frau, gerade am Kochen war. Sie hatte ihm am Morgen Vaavishkaa versprochen, was ihn gleich stutzig gemacht hatte. So simpel sich das Gericht zubereiten lässt, war ihm doch nicht entgangen, dass es das leckere Vaavishkaa meistens dann gab, wenn er noch etwas anderes zu verdauen hatte, etwas, dass sie, seine Frau und seine Töchter, ihm gleich mitservierten.

Als Bellaharani nach Hause kam und in den Flur eintrat, duftete es schon herrlich nach dem gebratenen Hackfleisch und den feinen Gewürzen. Am Tisch im Wohnzimmer wartete bereits Zohreh, die jüngere der beiden. Sie sah ihn mit ihren großen schwarzen Augen in einem ausdruckslosen Gesicht an. Bellaharani blieb in der Tür stehen und suchte den Raum nach der älteren ab. „Wo ist Tahereh?“, fragte er, da hörte er schon seine Frau von hinten kommen. „Setz Dich an den Tisch“, sagte sie mit dem Gewicht der vollbeladenen Pfanne in der Stimme, „und dann iss. Sie sitzt in der Küche und liest. Ich rufe sie gleich.“

Sunday, 8 January 2017

BRUNO BELLEC

Erst einen Tag, nachdem Bruno Bellec einkaufen gefahren war, fiel ihm auf, dass die neuen Hefte fehlten. Er konnte sich nicht erinnern, dass er sie wie die anderen Sachen zuhause ausgepackt hatte. Aber dafür war jetzt keine Zeit. Draußen hatte es zu nieseln begonnen, und auf sein Auto und auf die Straße legte sich ein Film von milchig weißem Eis.

Bruno wollte gerade in den Keller, um den Eimer mit dem Streusalz zu holen, als das Telefon klingelte. Es war Carine. „Mein Problem ist“, sagte sie nach halbherzigem Smalltalk, „dass ich noch Sommerreifen drauf habe und zur CdS muss, und Du weißt, wie die sind, wenn man sie versetzt.“ CdS ist die Firma, in der Carine arbeitet. „Die werden sicher verstehen, wenn Du nicht kommst. Die Straßen sind total vereist. Vielleicht fällt das Essen sogar aus. Kannst Du nicht jemanden anrufen?“, fragte Bruno. „Könntest Du mich vielleicht fahren?“, bekam er als Antwort. Aber dann versprach sie, sich erst einmal mit Monsieur Kremers, ihrem Abteilungsleiter, in Verbindung zu setzen und sich dann wieder bei ihm zu melden.

Mittlerweile hatte es zu dämmern begonnen. Bruno ging schnell nach draußen und streute den Gehweg vor seinem Haus, obwohl dort selten jemand langgeht, sein Haus ist das letzte vor dem Ortsausgang. Dann ging er wieder hinein und sah auf seinem Telefon nach, aber Carine hatte nicht wieder angerufen. Wenn er es bei ihr versuchte, klingelte es durch. Erst nach zwei Stunden meldete sie sich wieder und wollte wissen, wieso er denn angerufen habe. Im Hintergrund hörte Bruno, dass sie es wohl ohne ihn auf die Veranstaltung ihrer Firma geschafft hatte. Er hörte Stimmen und sie mit ihren Stiefeln über einen Holzboden klappern. Dann schlug eine Tür zu, und die Stimmen waren verstummt. Jetzt rauschte es leise. „Wie bist Du denn hingekommen, bist Du jetzt doch selbst gefahren?“, fragte Bruno. „Monsieur Kremers hat mich abgeholt“, antwortete Carine unterkühlt und begann mit Bruno zu schweigen, bis ihm der Druck zu groß wurde. „Dann pass bitte auf, dass Du wieder heil zurück kommst. Es regnet Eis!“ „Wir hören uns“, dann legte sie auf.

Sunday, 23 October 2016

JANET WHESLEY

Michelle hatte vorgeschlagen, schon früh loszufahren, vielleicht schon um 4 Uhr, da sie einen weiten Weg vor sich hatten. Es war wirklich weit, also war Janet einverstanden, und als sie losfuhren, glitten nur wenige Autos durch Cincinnati. Wenigstens sah es so aus, als würden sie gleiten. Sie mussten weder bremsen, weil sie in einen Stau gerieten, noch nahmen sie an Fahrt auf, weil eine Ampel kurz davor war, auf Rot umzuspringen, oder jemand drängelte. Als Michelle und Janet den ersten Starbucks fanden, der schon geöffnet hatte, waren zwei Stunden vergangen, und sie hatten ein gutes Stück des Weges hinter sich gebracht.

In Minneapolis taten sie nicht mehr viel. Sie bezogen ihr Zimmer in einem Hotel downtown, auf das beide sehr gespannt waren. Es lag weit über ihren Möglichkeiten und würde wohl eine Ausnahme bleiben für eine lange Zeit. Nachdem sie sich frisch gemacht hatten, fuhren sie mit dem Aufzug nach unten in die Bar. Vorher aber aßen sie noch die zwei Menüs, die sie kurz vor ihrer Ankunft in einem Burger-Laden gekauft hatten. Es war Michelles Idee gewesen. Von Janet kam der Vorschlag mit der Bar, wo sie schließlich Kent und Bernie kennen lernten, die sich die beiden Frauen vorher untereinander aufgeteilt hatten, bevor sie sie ansprachen.

Janet fand in Bernies Zimmer heraus, dass sie nur seine zweite Wahl war. Sie spürte es beim Sex. Aber wenn sie ehrlich zu sich war, konnte sie es schon die ganze Zeit über fühlen, und trotzdem ging sie mit. Sie lag da und dachte an die unzähligen Filme, die sie gesehen hatte, in denen Frauen so wie sie jetzt in den Federn lagen und nach oben an die Dicke starrten, während ihre Körper mit dem Sex mitgingen. Unten in der Bar hatte Bernie kaum reagiert, als sie ihm erzählte, dass sie in Minneapolis waren, um einen Motivationsvortrag zu besuchen. Jetzt rollte er sich von ihr runter und bat sie, ihm ein wenig davon zu erzählen, zumindest so viel, dass er sich ein Bild machen könne. Janet hätte schwören können, dass er nach ein paar Sätzen einschlafen würde. Aber er blieb wach und hörte ihr zu.

Tuesday, 9 August 2016

JANICE LEE

Janice hatte sich den falschen Kerl ausgesucht, um sich seiner Hilfe zu bedienen, Terence, und so fand sie sich nach dem Abend im Golden Go auf dem Beifahrersitz eines Autos wieder, das von Bremslichtern eines Streifenwagens angestrahlt wurde. Sie nahm es gelassen. Sie ging immerhin einem Job als Empfangsdame in einem Muschileckerladen mit Kokain-Attitude in einem noch kaum erschlossenen Randviertel von Los Angeles nach, womit manche Cops offensichtlich ein Problem hatten und sich ständig wie die Schmeißfliegen auf sie stürzten. Oder es lag daran, dass man ihr deutlich ihre asiatischen Wurzeln ansah und die Polizei nach einem einzigen Fall kalifornische Chinesinnen als die Drogenkurierinnen schlechthin ausgemacht hatte. Wahrscheinlich war es das, denn ihr Boss gab sich alle Mühe, der Polizei sein Geschäft so schmackhaft wie möglich zu machen. Und einer der beiden, die sie angehalten hatten, sah tatsächlich so aus, als wäre er schon einmal an Janice‘ Tresen gewesen, um das Muschilecker-Supersonderangebot zu bestellen: halber Preis speziell für, na, für Cops.

Dieser Mann ließ sie im Auto warten, während er zehn Meter weiter ihre ID-Karte wie einen Frisbee vor sich hielt, den er gleich wegwerfen wollte, und auf seinen Kollegen einredete, der daraufhin zu Janice an den Camaro kam. „Steigen Sie aus, Miss“, sagte der Polizist und schob seine Rechte hinter den Rücken, wo ein Revolver war. Janice sah ihn von ihrem Sitz aus eine Weile an und legte, „hm“, abschätzend den Kopf zur Seite. Da saß ihr Freund Terence schon auf der Rückbank des Streifenwagens. Hinter der Heckscheibe zeichneten sich seine Locken ab.

Für den einzigen Anruf, den die Polizisten ihr auf der Station gönnten, entschied Janice sich für einen Mister Laforge, den sie zwar noch nie gesehen hatte, der aber der schon erwähnte Patron ihres Muschileckerladens war. Und obwohl Laforge sie am Telefon mit Jade ansprach, dauerte es keine zwölf Minuten, und sie war wieder auf freiem Fuß. Janice zog es vor, den Taxiservice von einer Telefonzelle aus anzurufen, statt noch einmal bei der Polizei zu telefonieren. Und dann musste sie noch entscheiden, ob sie entweder zurück zum Camaro wollte, dessen Schlüssel sie abgezogen hatte, oder lieber gleich nach Hause (Janice wohnte in einem Zwei-Zimmer-Haus direkt am Strand). Sie ließ sich zum Camaro fahren und stellte ihn in ihrer kleinen Garage ab. Deshalb war das Auto weg, als Terence, später auf die gleiche Idee kam, womit etwas Neues seinen Anfang gefunden hatte.

Sunday, 22 May 2016

GASPAR ABAULE

Gaspar traf auf die beiden das erste Mal am Mittwochnachmittag in einer kleinen Bar nicht weit vom Gare de l’Est, in der man kleine Kuchen und frische Kräuter frühstücken kann. In der Nachbarschaft gab es einen Kindergarten, und man sah durch die großen Fenster ständig Mütter und Väter mit ihren Kleinen die Straße entlanggehen. Das junge Paar saß sich an einem Tisch gegenüber, er hatte seinen wohlgeformtem Kopf geschoren und sie ihr dunkelbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der bis zu ihren Schultern reichte. Sie küssten sich und stützen sich dabei mit ihren Armen auf dem Tisch ab, so als würden sie auf etwas warten. Aber statt zu warten, küssten sie sich vor dem Mosaik an der Wand, das die Welt darstellte oder das, was man von ihr vor über fünfhundert Jahren kannte.

Als Gaspar ihnen das zweite Mal begegnete, kam er mit ihnen ins Gespräch. Er hatte sich mit seiner Freundin gerade in einem winzigen japanischem Restaurant bei der Oper an den schmalen und langen Tresen am Schaufenster gesetzt und das Tempuragemüse empfangen, als das junge Paar vor ihren Augen unvermittelt den Bordstein entlangging. Als Gaspar sie bemerkte, klopfte er ohne nachzudenken an die Scheibe. Sie sahen auf und kamen herein. Die beiden erinnerten sich an Gaspar und stellten sich vor, während sich eine japanische Kellnerin mit einem vollgestellten Tablett in den Händen hinter ihnen vorbeidrückte. Der junge Mann hieß Victor und die junge Frau Paris, so wie die Stadt, worauf Gaspars Freundin merkwürdig teilnahmslos reagierte.

Zuerst sahen alle stumm auf, dann fingen die ersten an zu schreien. Junge Frauen brachen in Tränen aus, einer der Köche verlor sein Gleichgewicht und stieß gegen zwei der mächtigen Töpfe, die anderen beiden tauchten hinter der Theke ab, Tische kippten um, manche riefen Namen, andere um Hilfe, eine Japanerin lag regungslos auf dem Boden, andere fassten nach ihrem eigenen Blut, so als wollten sie es festhalten. Es kam zwischen den Haaren auf die Stirn heraus oder durch die gelbe Bluse, es floss Arme hinunter und tropfte von den Fingern.

Thursday, 31 March 2016

JOSEFINE BLANKEY

Dem Wagen versetzte es einen Schlag, und Josefine Blankey flog in hohem Bogen in die Brennnesseln. Jetzt waren die feinen Seidenstrümpfe dahin. „Ist ihr etwas passiert?“, rief Mister Lassalle aus dem Beifahrersitz so unpersönlich wie möglich zu ihr herunter, der bei der Begrüßung in der Runde noch mächtig arrogant daherkam und allen seinen Vornamen verschwieg, dann aber schnell merken musste, dass sich alle mit ihm nur abgaben, wenn es denn wirklich nicht mehr zu vermeiden war, der Arme.

Die Arme! Josefine blutete das rechte Knie. Die smarte Dame, die sich gerne im neuen Guardian Building blicken ließ, sonst aber niemals ihren Reichtum zu Show trug, hatte zwar genug Geld, dass sie sich unten in Memphis ein neues Paar gleicher Qualität kaufen konnte (wenn es in Memphis überhaupt einen ähnlich gut sortieren Laden gab wie in Detroit). Aber, ach verdammt, sie hatte sie von Winston geschenkt bekommen, und der hatte sie bisher noch nicht an ihr gesehen. Sie beide waren kein Paar. Aber sie pflegten eine Freundschaft, die darauf beruhte, dass beide großen Wert auf stilvolle Kleidung legten und sich hin und wieder gegenseitig über die enorme Entfernung hinweg (er wohnte in New York) etwas zuschickten, entweder, weil man ja kaum selbst die Damen- oder Herrenkleidung tragen konnte, obwohl sie einem den Atem verschlug, oder vielleicht um ihn oder sie darin zu sehen. Es könnte ja gut zum Beanie passen. Und genau der, dieser Beanie, war jetzt auch noch hin. Lästige Samen und spitze Steinchen stecken in dem Filz.

Die Herrschaften im Packard hatten wenig Sinn für solche merkwürdigen Freundschaften, „Miss Blankey!“, und sie drängelten gerne. Außerdem blieben sie sitzen in ihrem verfluchten Cabrio. Nicht einer kam ihr zur Hilfe. „Nicht einer von diesen Leuten“, wird sie den Brief beenden, in dem sie Wilson von dem Ereignis berichten wird, während sie ein Stück von Ted Weems summt. Und Wilson wird schmunzeln und in seiner Antwort darum bitten, die Seidenstrümpfe wieder an sich nehmen zu dürfen, als Symbol, als Symbol, na, als Symbol für was denn nur? Ihm wird darauf nichts einfallen. Er wollte sie eben haben, mehr als jedes andere Kleidungsstück zuvor.

Saturday, 23 January 2016

LAURENT FRECHAUME

Laurent Frechaume wollte sich nicht so recht wohlfühlen im Kaminzimmer, in das Esplagnon ihn nach dem Essen geführt hatte, und wenn der Grog ihn noch so von innen wärmte. „Sehen Sie“, sagte Esplagnon ohne aufzuschauen, „wie sich Ihr Bild von dem Vieh wandelt, das sie eben noch so vehement verteidigt hatten.“ Da ging die Tür auf, und Elodie kam in ihrem Mantel herein. Sie sah erst nach ihrem Mann. Aber als sie Laurent bemerkte, ging sie auf ihn zu und gab ihm die Hand, die von ihrer Autofahrt noch ganz kalt war. „Wie fühlen Sie sich?“, fragte sie, worauf Laurent nicht so recht zu antworten wusste. Was hatte sie damit gemeint? „Mir gefällt es hier“, sagte er und folgte ihr mit den Augen bei ihrem Schritt zur Seite auf ihren Mann zu, der ihr gelang, ohne dass sie in Laurent den Verdacht aufsteigen ließ, sie enteile ihm. Das konnte sie wirklich gut.

Nachdem Elodie das Zimmer wieder verlassen hatte, herrschte Schweigen. Esplagnon hatte seit Stunden aus seinem Leben erzählt, das eigentlich so geklungen hatte, als dass er niemals damit zu einem Ende gelangen könnte. Aber jetzt lag etwas Schweres über allem Elan, von den Philippinen und von Vietnam zu erzählen, von seinen vielen erbitterten Kämpfen im Schlamm und im Leben, das er vor sich hertrug wie einen prämierten Roman. Esplagnon verlor Laurent aus den Augen, wegen einer Erscheinung, so wie Frankreich alles aus den Augen lässt, wegen Erscheinungen, der Grund, warum Laurent überhaupt den Weg nach Clerment gefunden hatte. So werden wir sterben, dachte er, so stirbt unser Land. So stirbt Paris, so stirbt Clerment. 

Nach einer Weile führte Laurent wieder seinen Grog zum Mund und nippte daran. „Ihre Frau ist sehr elegant. Sie ist jünger als Sie, sie dürfte höchstens 40 sein“, brach er die Stille. Aber das war nicht mehr als ein verzweifelter Versuch, wieder etwas zurückzugewinnen. Was auch immer mit Elodie in das Kaminzimmer hinein gekommen war, der alte Esplagnon war für diesen Abend verloren.

Friday, 11 December 2015

GEORGE SUN

George nahm das Ding in die Hand und sah es sich genauer an. „Was soll das nochmal sein?“, fragte er, und der Mann vor ihm nuschelte ein paar Laute, für dessen Übersetzung der Transduktor knapp drei Sekunden brauchte. Dann sagte der Apparat es wieder, „eine Blume“, und der Einheimische nickte, als hätte er es verstanden.

Es war keine Blume, das Ding war metallisch. Offensichtlich konnte der Transduktor die Sprache des Außerirdischen nicht richtig fassen. George setzte eine entsprechende Nachricht an die Dundee ab, die im Orbit kreiste und das Geschehen aus der Ferne verfolgte. „Es kann sein, dass alle auditiven Daten verfälscht sind“, gab er durch und erhielt vom Schiff die Order, dieses Ding sofort wieder aus der Hand zu legen. Seine Fingersensoren meldeten einen erhöhten Wert an Berkelium an der Haut.

Im selben Moment fand George sich in einer transparenten Kapsel im Weltall wieder. Über seinem Kopf und unter seinen Füßen funkelten die Sterne, vom Planeten und vom Schiff aber fehlte jede Spur. Im Spiegel des Glases sah er das Lämpchen des Transduktors blinken. Der Apparat schien an einer Übersetzung zu arbeiten und schaltete schließlich auf grün. Was folgte, waren lang anhaltende Töne mit leichten, aber bedeutsamen Irritationen, die sich immer wieder erneuerten. Und immer wieder schnitt es schreiend hinein. Erst waren es Instrumente, dann waren es menschliche Stimmen. Der Transduktor fand nichts Besseres unter seinen irdischen Dateien, um das zu übersetzen, was die Fremden von seinem Bediener verlangten. „Anthracite Fields“, Julia Wolfe 2014, war das, was George in seiner Kugel zu hören bekam. Kein artikulierter Satz hätte es genauer treffen können, die Maschine folgte ihrem Programm. Aber George verstand nichts von Neuer Musik von vor 250 Jahren.

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http://juliawolfemusic.com/music/anthracite-fields
Julia Wolfe hat mit "Anthracite Fields" 2015 den Pulitzer Preis in Music verliehen bekommen. George Sun wusste nicht einmal, dass es auch für Musik einen Pulitzer Preis gab. Es ist ein Irrglaube, dass es im Weltraum nur Techniker braucht. 

Friday, 27 November 2015

EMILY ANDERSON

Bohnen, Emily hatte ein paar Dosen Bohnen gefunden, sie konnte es kaum glauben. Dunkle Schokolade und Marmelade, "Autumn Harvest". Was für ein Luxus. Die Mindesthaltbarkeit der Hersheys war erst seit zwei Jahren abgelaufen, produziert kurz vor dem Zusammenbruch. Gott verdammt, sie war in einem Haus, das noch nicht geplündert war. Emily überkam die Freude so heftig, dass die sich fast wie eine Krankheit anfühlte. Aber sie hatte gelernt, ruhig zu bleiben gegenüber all denen, die sie jetzt vielleicht hören konnten.

Außerdem musste sie in Erwägung ziehen, dass die Kidneys, die Schokolade, die Cherry Republic und die Packung Detroit Bold (sie hatte Kaffee gefunden!) erst seit kurzem hier lagerten. Beute von jemand anderes vielleicht. Und dabei ging es ihr sicher nicht darum, dass sie es ihm wegnehmen musste. Es ging darum, dass derjenige jeden Augenblick in der Tür stehen und das alles hier bis aufs Blut verteidigten konnte. Sie war so müde.

Sie packte die Sachen ein und sah sich noch nach einer Karte um. Seit einigen Tagen irrte sie ohne Orientierung umher. In dieser ganzen Zeit hatte sie nur einen einzigen Menschen getroffen, einen Mann, den sie am Ende hatte erschießen müssen. Mit einem Michigan-Reiseführer in der Tasche und ihrem Gewehr in der Hand verließ sie schließlich das Haus, gerade noch rechtzeitig um zu sehen, wie oben, am Ende der Straße, eine kleine Gruppe von vermummten Leuten mit Macheten hinter einem ausgebrannten Bungalow verschwand. Sie hatten sie noch nicht gesehen.

Friday, 20 November 2015

RAHI el-SAWI

Die saudischen Kampfjets kamen zu spät. Nachdem die Schergen des Islamischen Staates Mekka erobert hatten, stellten sie zwei kleine Camcorder auf und filmten sich dabei, wie sie mit einem Vorschlaghammer auf die Kaaba eindroschen. Die Wahhabiten schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, eine Geste, die in Windeseile um die ganze Welt ging. In Europa und sogar in den USA fanden sich Tausende Menschen in dieser Haltung auf Demonstrationen gegen Gewalt ein. Es war ein Symbol dafür, dass der Terror durch den Islamischen Staat nichts, aber auch rein gar nichts, mit dem Islam zu tun haben solle.

Der IS schickte seinem Eroberungsfeldzug eine Warnung voraus, der der saudische König nur mediale Drohgebärden folgen ließ. Jetzt blieb es Sache islamischer Gelehrter, durch die Fernseher im Land zu sprechen und zu erklären, dass die Hadsch und das Berühren der Kaaba sehr wohl heilig und im Sinne des Propheten seien. Sie mussten das aufgebrachte Volk beruhigen. Mehr passierte vorerst nicht, der IS war schließlich nicht shiitisch. Die Terrormiliz hatte das Anbeten eines Steines als Gotteslästerung bezeichnet, auf die als Strafe nur der Tod folgen könne, ihn zerstört, und das war's.

„So ein Unsinn“, sagte die Lehrerin zu Rahi und hielt ihr stoisch das Kopftuch hin. Die Ausrede mit der Polyester-Allergie hatte nicht geholfen. Dafür hatte sich der Gesichtsausdruck der Lehrerin verändert, die jetzt noch viel verknöcherter als sonst Mohammeds Gesetze zitierte. Das Gesicht einer Frau, die innerhalb der Mauern alles bestimmte, sich außerhalb aber hinter billigem Stoff versteckte, hinter Stoff, der an so vielem Schuld sei, wie es plötzlich aus Rahi herausbrüllte. „Ihr könnt den IS vielleicht besiegen, aber das da macht es, dass es immer wieder einen neuen geben wird. Und daran wird sich nie etwas ändern!“

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"Rahi" bedeutet Frühling.

Thursday, 12 November 2015

BORIS ALJENKO

Nadjinka rieb sich ihre Füße unter der Wolldecke warm. „Chinesen schmatzen, wenn sie essen“, sagte sie, ohne es jemals selbst erlebt zu haben. Sie hatte Russland noch nie verlassen und noch nie einen Chinesen gesehen, bevor sich in Surgut ihre Kabinentür geöffnet hatte und zwei Geschäftsmänner aus der Mandschurei hereinkamen, dampfendheiße Nudelsuppe in den Schüsseln. Boris Aljenko leckte hinter seinen geschlossenen Lippen über die Schneidezähne und sah in die tief verschneite Taiga hinaus, in die sich der Zug langsam vortastete. „Nadjinka, Nadjinka“, dachte er, aber die Chinesen schienen offenbar nichts verstanden zu haben.

Sie saßen nur da, die Schüsseln auf ihrem Schoß, und nahmen von Boris und seiner Frau keine Notiz. Nach einer Weile sagte der eine etwas, so dass der andere laut auflachen musste. Da hatten sie gerade die letzten Häuser passiert, vor deren Türen die Fußspuren im Schnee noch nach Surgut wiesen. Sie waren noch soweit von Nadym entfernt wie der Sommer von diesem Ort, und Boris teilte mit Nadjinka zunehmend den Missmut, über einen halben Tag hinweg mit diesen beiden fremden Gestalten ihr kleines Abteil teilen zu müssen. So sah es doch nun aus, oder etwa nicht, „Sie fahren doch nach Nadym?“, fragte Boris den Chinesen ihm schräg gegenüber. Der aber reagierte nicht.

„Fahren Sie nicht nach Nadym?“, fragte Boris ihn erneut. Auch Nadjinka sah sich jetzt nach ihnen um, und diesmal schauten die Chinesen auf. Aber dann stand plötzlich der Schaffner in der Kabinentür. Seine Fingerknöchel drückten sich weiß aus seiner Hand, mit der er die Rolltür in ihrer Position hielt. „Es tut mir leid, wenn ich Ihnen das sagen muss, aber wir werden nicht viel weiter als Kogalym fahren können.“ Der Schnee habe weiter im Norden die Gleise verschluckt. Da gäbe es kein hin und zurück. Kogalym also. Eine Woche, bis der Zug es erneut versucht. Und die Chinesen? „Nadym, Nadym“, sie grinsten Boris an und zeigten auf sich selbst.

Thursday, 22 October 2015

FRANCINE BEAUMONT

Es war schon der dritte Termin in dieser Woche, den sich Francine Beaumont bei Doktor Muller hat geben lassen, mal wieder ohne der Sprechstundenhilfe am Telefon anzudeuten, worum es ihr denn ginge. Aber das würde doch dabei helfen, schon eventuell wichtige Vorkehrungen zu treffen. Nein, Francine wollte sich um ihre Vorkehrungen zuhause schon selbst kümmern. Das verriet sie aber natürlich nicht.

Als der Doktor auf die nächste Karteikarte sah und Miss Beaumonts Namen überrascht vor sich hinplapperte, anstatt ihn auszurufen, überquerte Francine schon die Schwelle zu seinem Behandlungszimmer. „Herr Doktor, ich fühle mich nicht gut“, sagte sie und stieg von den hohen Absätzen herunter, um sich aus ihrem engen Kleid zu befreien. Davon sollte Doktor Muller beim Abendessen seiner Frau erzählen, nachdem die Kinder noch einmal zur Eisenbahn in den Keller verschwunden waren. Und – ohne Francine Beaumonts üppigen, gesunden (!), schwarzen Busen zu erwähnen, der stets aus wohl duftender, hübsch arrangierter Spitze zu hüpfen pflegte.

Misses Muller, so weiß wie ihr Mann nach einem der langen Michigan-Winter, hörte ganz genau zu, auch wenn sie so tat, als wäre sie taub. Am nächsten Tag fuhr sie nach Downtown zu der Adresse, die ihr Jeannie vom Praxisempfang aus den Karteikarten herausgesucht hatte. Zum Glück hatte Francine an diesem Morgen keinen Arzttermin und öffnete die Tür. Es war der einzige Moment in ihrem Leben, an dem beide genau das Gleiche dachten: „Oh mein Gott, wie sieht die denn aus?“

Monday, 19 October 2015

JEAN GIROLLE

Catherine kam mit schwarzen Fäden an den Fingern ins Wohnzimmer zurück und streifte sie in die Holzkiste ab. „Hast Du schon mal in die Ecken gesehen?“ Sie drehte ihren Kopf zu Albert, aber der war im Sessel eingeschlafen. Das hatte Jean noch gar nicht bemerkt. Es hatte nichts zu heißen, wenn sie eine Weile zu zweit in einem Raum saßen und nichts miteinander redeten.

Mit Margot, Catherines Mutter, war das anders. Es gab etwas, nach dem man, wenn man es kennt, unwillkürlich alles neu deuten muss. Den Gesichtsausdruck, mit dem Margot Jean empfing, als er aus dem Haus kam, um ihr von den Spinnweben zu erzählen. Wie sie die Beeren vom Strauch zupfte, und sagte, sie müsse das genau so tun, wie sie es tat. „Sonst wird er böse!“. Oder wie sie die Beeren zerdrückte. 

Nachdem eine Weile vergangen war, ohne dass Jean wiederkehrte, rief Catherine seinen Namen.  Aber sie bekam keine Antwort. Dafür kam Margot mit rot verschmierten Händen durch die Verandatür und strahlte ihrer einzigen Tochter entgegen. „Mein kleines Mädchen. Hast Du schon von den Mirabellenplätzchen gekostet?“ Sie zeigte auf den Tisch. Catherine sah sie irritiert an. „Welche Mirabellenplätzchen? Wo sind denn hier Mirabellenplätzchen?“, fragte sie und sah sich um. Aber da war nichts. Und trotzdem schlief sie sofort ein, kaum dass sie und Jean im Gästebett lagen. Jean dagegen blieb noch lange wach. Auch wenn er die Tür zu ihrem Zimmer abgeschlossen hatte, bekam er es nach diesem Tag doch mit der Angst zu tun. Von draußen hörte er den Beerenstrauch rascheln, und unten im Flur schien jemand zu sein.

Tuesday, 29 September 2015

SUSANA PIRES MONREAL

Am 24. Mai 2008 ist im Umland von Ciudad de Juarez, in der Wüste von Chihuahua, etwas sehr Merkwürdiges geschehen. Aktivistinnen, die mit Stöcken nach Gräbern im knochentrockenen Boden stocherten, stießen auf dem Campo Algodonero auf Susana Pires Monreal, die in ihrem weißen Kittel da stand, als würde sie auf den Bus zur Maquiladora warten. Die Gruppe musste sich jetzt erst ein mal sammeln: Susana Pires Monreal war seit fast genau vier Jahren spurlos verschwunden.

Das Ereignis versetzte das Personal der neuen Sonderstaatsanwaltschaft für Gewalt gegen Frauen in Ciudad Juarez in helle Aufregung. Die Helferinnen in der Casa Amiga schlossen auf Anweisung die Läden an den Fenstern und schalteten die Lampen an, die Susanas Schatten auf die Madonna am Eingang warfen, als sie sie hereinführten. Niemand sollte von ihrer Rückkehr erfahren, auch nicht die Polizei. Aber das stellte sich gleich schon am nächsten Tag als unmöglich heraus, als Mira Fuentes quasi an gleicher Stelle auftauchte. Ganz plötzlich, so wie Susana. Mira war bereits seit sechseinhalb Jahren verschwunden gewesen.

Und so kamen immer mehr Frauen zurück, die man als Opfer des Feminicidio geglaubt hatte. Am Ende waren es acht. Sie waren einfach plötzlich wieder da. Nur woher sie kamen, war ein Rätsel. Sie redeten nicht darüber, und wenn Aktivistinnen oder andere versuchten, ihre Rückkehr zu beobachten, blieb die nächste aus. Susana Pires Monreal war wunderschön. Und sie war die erste, die von den Zurückgekehrten ein zweites Mal verschwand.

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Diese Geschichte ist natürlich erfunden. Aber sie gibt die Hilflosigkeit derer wieder, die gegen den Feminicidio kämpfen. Auch die neue Sonderstaatsanwaltschaft für Gewalt gegen Frauen und das Frauenhaus Casa Amiga, das oft wütende Männer anlockt, können das Verschwinden Hunderter junger Frauen nicht verhindern. Notrufe nutzen nichts, die Polizei bleibt meist fern. Ohnehin ist es ein offenes Geheimnis, dass wenigstens einzelne Polizisten, vielleicht sogar Politiker mit den Drogenkartellen gemeinsame Sache machen. Und so werden Frauen zu Hause geschlagen, entführt, vergewaltigt, ermordet, verscharrt, manche von ihnen enthauptet und verstümmelt.

Der Name Monreal steht in Erinnerung an Esmeralda Herrera Monreal, eines der berühmtesten Opfer. Sie ist am 29. Oktober 2001 mit 15 Jahren verschwunden und am 7. November ermordet im Campo Algodonero, einem Baumwollfeld, aufgefunden worden. Wenig später kamen hier sieben weitere ermordete Frauen hinzu. Und das in Juarez, wo Jahre zuvor vor allem Frauen in den Maquiladoras angestellt wurden. Sie galten als zuverlässiger als die betrunkenen und gewaltbereiten Männer. Juarez war damals Vorbild, hatten damit doch auch schlechter ausgebildete Frauen die Möglichkeit, das eigene Leben selbst zu gestalten.

Tuesday, 15 September 2015

BESSE BONE

Ist es nicht eigenartig, dass der fette Jim sich jahrelang vor der Polizei verstecken konnte, aber Besse Bone es mit einem einzigen Spaziergang gelang, einem Spaziergang, den selbst Grandpa Pete geschaffte hätte, die wirklich schäbige Bretterbude im Wald irgendwo in Virginia zu finden, ich sag jetzt nicht wo, in der die Destille klapperte, als wäre sie der Zinnmann aus dem Wizard von Oz? Ist es nicht eigenartig? Der Redneck verstand die Welt nicht mehr, als sie plötzlich in der Tür stand und eine Winnie auf ihn richtete, dieses zarte Geschöpf.

Für Besse spielte es keine Rolle, winselt der Scheißkerl um Gnade und bleibt dann am Leben oder macht er auf stur und dann ab in den Sarg. Sie bekam den Abzug nicht zu sich gezogen, das war der einzige Grund, warum es noch nicht knallte. Jim schnappte sich eine Pfanne und schlug sie gegen den Lauf. Wumm, der Schuss ging schnurstracks durch das Dach und jagte draußen irgendwelchen Tieren einen mächtigen Schrecken ein. Aber Besse fing sich und schoss nochmal. Diesmal traf sie den Fettsack genau in die Stirn.

Erst jetzt roch sie, wie ekelhaft es hier in der Hütte stank, genauso wie damals und vor allem aber, nach was wohl, nach Moonshine natürlich. Besse hatte noch große Lust, dem Kerl mit dem Lauf den Schädel einzuschlagen, aber sie riss sich zusammen und hockte sich vor die Einmachgläser, in denen der Schnaps so klar lagerte, als wäre er nur Luft. Aber er hatte das Leuchten einer Reise mit der Zunge am Steuer eines T-Models. Besse wickelte ein Tuch um ein Glas und steckte es ein. Sie wäre gern fort. Sie weiß auch schon wo. Und nur ihre Schwester würde sie finden.

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"Moonshine", so haben Amerikaner ihren illegal gebrannten Schnaps genannt. Er stammte vor allem während der Prohibition in den Zwanziger Jahren aus illegalen Bretterbuden in Virginia und in den Wäldern anderer Bundesstaaten, in denen Rednecks und andere Typen zusammengezimmerte Destillen laufen ließen - oft auch unter den Augen der Polizei, wenn diese denn auf die richtige Seite gezogen war.

Monday, 10 August 2015

VIRGINIA DYER

Mit einem Knall landete das Glas auf dem Boden. Virginia Dyer klingelte gleich nach Miss Cumbercastle, beim zweiten Mal schon wesentlicher entschiedener, aber die Gute rührte sich nicht. „Sie ist manchmal ein wenig stoisch.“ Die Gentlemen von der Westküste sahen sie an, als säßen sie in irgendeinem Theaterstück. „Wenn Sie erlauben“, sagte einer, da war aber wohl nicht viel dahinter. Virginia klingelte noch einmal, dann schleuderte sie das Glöckchen entrüstet vor die Katze, die erschrocken aufsprang und aus dem Zimmer rannte. „Es soll jetzt Zeppeline geben, die es bis über den Atlantik schaffen!“, war ihr nächster Kommentar. Man könnte sich fragen, wer gerade mehr geboten bekam: die Ehefrauen, die sich die Zeit am Broadway vertrieben, oder doch eher die Gentlemen.

Unter denen, die den weiten Weg von LA nach Manhattan zurückgelegt hatten, gab es einen, der bei dem Wort „Zeppeline“ hellhörig wurde: Alfred Bust, ein lebender Beweis dafür, dass sie in Kalifornien selbst stockkonservative Männer gewähren lassen. Kaum hatte Virginia ihren Satz ausgeplaudert, zückte er einen Stapel Unterlagen hervor und legte ihn auf den Tisch. Das war schon in Ordnung so, die Herren waren schließlich der Ideen wegen hier, die junge Lady wollte investieren.

Virginia gab Bust Zeit, die zerfledderten Blätter in die Reihe zu kriegen. Aber sie konnte es schon riechen: Da vor ihr raschelte ein Bombengeschäft! Sie rutschte auf ihrem Stuhl ein Stück nach vorne, um die kleine Skizze links unten besser erkennen zu können. Dabei zog sie mit ihren Mary Janes ein paar der Scherben knirschend über das Parkett. Ach ja, die Scherben. Die mussten jetzt endlich weg, dachte sie sich und sank auf die Knie, um wenigstens die größten aus dem Weg zu sammeln. Die Gentlemen zogen prompt die Füße ein. Aber Bust blieb sich treu. Er schob mit der Schuhspitze ein ausgebüxtes Stück Glas zu ihr hin. Genau unter ihr Gesicht. Sofort stand Virginia auf und langte ihm eine. „Sie sind der letzte Dreck!“, schimpfte sie, und das konnte Miss Cumbercastle offenbar hören. Mit einem Mal stand sie in der Tür. „Schaffen sie diese Leute hier raus!“, und Miss Cumbercastle tat, was die Lady von ihr verlangte. Wie immer und ausnahmslos.

Sunday, 2 August 2015

SHANE BISHOP

Shane ließ Claire noch schnell die abrasierten Haare aus seinem Nacken fegen, dann marschierte er los, raus aus dem Haus und die Lane hoch, von wo aus er Sheffield auf den Scheitel gucken konnte und Fish und Chips wie Lachssouffle auf französischem Baguette duftete. Claire kam noch ein paar Kreuzungen mit, sie wollte sehen, ob er sie auch nicht veräppelt hatte. Aber schließlich drückte sie ihm einen Abschiedskuss auf die Wange. Es nieselte, das Licht wurde schwächer und die Autoscheinwerfer begannen, sich auf der nassen Straße zu spiegeln. Sie war für acht mit Sue und Steph verabredet und wollte los.

Im Haus der Kensingtons bellte schon der Hund. Misses Kensington öffnete. „Hunde waren aber nicht abgemacht, Ma’am!“ „Iren auch nicht!“ Die Lady strich mit der flachen Hand über seinen runden Schädel mit den roten zwei Millimetern darauf und musterte ihn. Tolle Frau, dachte sich Shane, kleiner als er, und sie hatte keinen Schiss, mit Skins Geschäfte zu machen. Immerhin ging’s um ihre Tochter. Und zu all seinem Glück konnte er von irgendwoher sogar Bronski Beat hören. Hinten im Flur sah er, wie Mister Kensington sich an einem Windsor fast das Leben nahm.

Die 20 Pfund durfte Shane sich aber erst nur ansehen. Misses Kensington bestand darauf, die Scheine in einem schneeweißen Kuvert zu verschließen und in ihre kleine Handtasche zu stecken wie sich selbst in dieses Etuikleid mit Ringelmuster. Ein konspiratives Versprechen für ihre Rückkehr, „wenn meine kleine Lucy noch leben sollte“. Dann zeigte sie ihm den Kühlschrank mit Sandwiches und einer kleinen Flasche Lager, extra für ihn, das Wohnzimmer mit der Anlage und einer Bahn aufrechtstehender, sich aneinanderschmiegender Platten von Blondie bis Percy Sledge, und rief schließlich Lucy zu ihnen herein, die Shane zur Begrüßung ein zartes Küsschen auf die Wange gab. Hörte er da etwa die Engel singen? Claire hatte ihn ausgelacht, als er ihr von seinem Babysitter-Zettel im Sainsbury’s erzählt hatte. Von draußen hupte Mister Kensington nach seiner Frau, aber Ford Sierras können keinen Schlussakkord. Der Rest ist Geschichte.

Wednesday, 15 July 2015

AMIRA MORALES

Seit sie die Halle verlassen hatten, schimpfte Louisa. Sie schimpfte und schimpfte. Sie hatte einen Messebesucher dabei erwischt, wie er mit seinem Handy versuchte, ihr unter den Rock zu filmen, und nicht nur das. Aber diesmal rauschten die Tiraden an Amira vorbei, auch wenn sie sich sicher war, dass einige dieser untersetzten Autonarren, die so untrennbar um sie herum gekreist waren wie Mimas und Titan um Saturn, bei dem Neigungswinkel ihrer iPhones bestimmt keine Whats-App-Nachrichten am Tippen waren.

Louisa schimpfte, um sich zu entspannen, etwas, das Amira in dem heißen Zug gerade überhaupt nicht gelang. Sie hatte den ganzen Tag auf zehn Zentimetern gestanden, und das in krachneuen Pumps, die sich auch jetzt nicht mit der Fingerspitze zwischen Leder und Fuß zu mehr Gnade zwingen ließen. Ihre Befreiungsversuche brachten nur den Mann ihr gegenüber dazu, sich immer wieder neue Alibibewegungen auszudenken, um einen Blick darauf zu erhaschen. Was musste das für eine Qual für ihn sein. Er sah aus, als hätte er Ticks. Amira gönnte sich den Spaß und zog einen Schuh aus, klimperte mit den Zehen, als spielte sie Bach, dehnte den Spann mal nach oben, dann nach unten, massierte mit einer Hand die Sohle ihres wirklich hübschen Fußes und schlüpfte wieder hinein; nur wenige Zentimeter von seinem Bürohosenbein entfernt. „Ist das da Blut vom Teufel? Dein Nagellack? Hast du den aus der Hölle? Dios mio, ist der dunkel. Süße, der macht so … rrrrrrh“, konstatierte Louisa, während der Zug in den Bahnhof von San Pedro einrollte. Er hielt und spuckte eine junge Frau aus, deren Cellulitis unter den ausgefransten Hot Pants Amira an den Mond und seine Mare erinnerte.

Kaum war sie zuhause, zog sie alles aus bis auf Top und Unterhose und setzte sich mit einem großen Glas eiskaltes Wasser in den Schein ihres Laptops. Im Radio sang Goerne den Leiermann aus Schuberts Winterreise, während sie mit der Maus die interaktive Darstellung drehte und zum Mare Orientale kam, dem jüngsten aller Mare und dem letzten in ihrem Projekt, für das der Lehrstuhl der Astrophysik tief in die Tasche greifen wollte. Doch bevor Amira den entscheidenden Schritt hin zu ihrem Doktortitel und weg von den Messejobs machte, betrachtete sie die Ebene, den wunderschönen schwarzen Fleck, in den sie sich verliebt hatte, und stellte sich vor - barfuß auf dem Eise - wie sich Mondstaub zwischen ihren glühenden Zehen wundersam kühl und zart nach oben drückt und alles bis zu den Knöcheln umschließt.

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Nach "barfuß auf dem Eise" aus dem "Leiermann" in Schuberts "Winterreise". Wer jetzt behauptet, auf dem Mond gäbe es kein Eis, dem würde Amira entgegnen, dass sich beispielsweise der helle Rand des Shackleton-Kraters am Südpol des Mondes, der seit drei Milliadren Jahren in der Finternis liegt, mit einer Eisschicht erklären ließe. Doch diese Eisschicht ist höchstens ein Tausendstel Millimeter dünn und besteht maximal zu einem Fünftel aus Wasser.